November 2019
Folgende Überlegungen sind zwar nicht ganz ernst gemeint, aber manchmal denke ich, ein Musiklehrer und eine Pflegekraft sind beruflich gesehen gar nicht so weit auseinander.

Wie das???

Wenn ich meinen Berufsalltag mit dem eines Dozenten vergleiche, stelle ich fest dass es viele Überschneidungen gibt.

- Wir beide haben ausschließlich mit einem Gegenüber zu tun. Im Verlauf eines Tages meist viele davon. Das Gegenüber will etwas von uns. Der Schüler möchte vom Wissen des Musiker profitieren, der Patient will adäquat versorgt werden. Wir beide müssen „geben“.

- Dozent und ich müssen motivieren und gut zureden. Wir ermuntern und beachten die Ressourcen die Schüler oder Patient mitbringen.

- Wir beide müssen trösten wenn es nicht so gut geht wie gewünscht und machen Mut: „Das wird schon werden. Nur Geduld.“

fanny renaud LQioWNnrlaY unsplash- Es finden Gespräche mit den Angehörigen statt. Auf des Lehrers Seite müssen die Eltern instruiert werden, meistens jedenfalls, wie die Übungseinheiten für die Kinder aussehen sollten. In meinem Fall sind es die Kinder, die sich um ihre betagten teilweise dementen Eltern sorgen und Tipps benötigen wie der Alltag für alle Beteiligten vereinfacht werden könnte.

 

- Man darf nie die Geduld verlieren. Der Pädagoge muss versuchen sich auf meine Kenntnisse runter zu nivellieren. Sich vielleicht dran erinnern das er selber mal Anfänger gewesen ist und im Idealfall noch weiß wie schwierig es war, sich Neues und Unbekanntes anzueignen. Und bei Stellen bei denen ich mich anstelle, selbst nicht die Nerven verlieren und denken, „Du lieber Gott. Wann schnallt sie es endlich?“

Das schaffe ich bei meinem dementen Klientel sehr gut. Mir macht es nichts aus 32x während eines Pflegebesuchs dem Patienten mitzuteilen wie das Wetter draußen ist, wie mein Name lautet und warum ich nun dafür sorgen muss, das grad heute die Wäsche gewechselt werden muss. Manchmal muss ich beim 17ten x nachfragen lachen und meine Patienten lachen meist mit. Humor hilft oft. Häufig sind das die liebenswürdigsten und freundlichsten Menschen. Sie schauen dir direkt ins Herz hinein.

Allerdings ist nach Dienstschluß alle Geduld aufgebraucht und für mich selber fast nichts mehr übrig. In dieser Hinsicht muß ich lernen ein wenig damit hauszuhalten. Oft erinnere ich mich daran im Klavierunterricht eine Frage gestellt zu haben, aber ich habe keine Idee mehr wie die Antwort darauf lautete.


- Die Bezahlung für unsere Zuwendung ist in beiden Bereichen nicht die beste. Der Dozent hat ein Hochschulstudium hinter sich, unzählige Stunden an seinem Instrument verbracht und geübt und wird trotzdem lausig bezahlt. Die Pflegekraft hat meist eher kein Studium hinter sich, wird ebenfalls eher mittelmäßig entlohnt, dafür noch mit Abend-, Nacht-, und Wochenenddiensten belastet.

- Wir beide sollen Zutrauen in die Fähigkeiten unseres Gegenüber haben. Der Lehrer geht davon aus, das der Schüler lernen und sich verbessern möchte. Er wird Energie und Zeit investieren um seinem Ziel näher zu kommen.
Ich weiß das meine Patienten sehr viel lieber für sich selber sorgen würden wenn sie nur könnten. Aber sie sollen trotz meiner Unterstützung so viel als möglich selber machen dürfen, das erhält ihre Fähigkeiten. Und deshalb traue ich ihnen einfach zu, das sie dieses oder jenes können. Wenn man seine Zuversicht deswegen ausspricht klappt es auch häufig.

- Wir müssen ununterbrochen im Dialog mit dem Schüler, dem Patienten sein. Der Dozent muß anregen, korrigieren, sich 100 % auf den Schüler einstellen. Und dann auf den nächsten. Mit den dortigen Baustellen klar kommen. Ich weiß gar nicht wie viele Unterrichtsstunden man als Dozent an einem Tag schaffen kann.
Das gleiche in meiner Situation. Manchmal kann ich mich abends schon fast nicht mehr artikulieren. Kürzlich 14 Patienten in der Früh und 16 am Abend zu vesorgen gehabt. Immer: Grüß Gott. Wie gehts Ihnen heute? Auf Wiedersehen. Und der ganze Rest der dazwischen ist. Manchmal möchte ich den Patienten mit Namen ansprechen, und er fällt mir partout nicht mehr ein. Da kann man die Situation nur noch weglachen. Gelegentlich habe ich auch Patienten, da verläuft mein Besuch ohne viele Worte. Die mag ich besonders gerne. Das ist keine leere Stille, sondern eine einvernehmliche.

- Meine Person ist eingeladen in die allerprivatesten Bereiche eines Haushaltes zu gehen um zu helfen. In diesen ich oft schutz- und orientierungslose Menschen vorfinde. Ich empfinde mich als Schüler auch in einer gewissen Art und Weise schutzlos. Ich muss offenbaren wie wenig ich weiß und kann. Dadurch fühle ich mich durchsichtig und verletzlich.

 

Die Erkenntnis das ich nicht so bin, wie ich mich gerne sehen würde, macht mir zu schaffen. Ich würde mich lieber in einem anderen Licht betrachten können. Da entdecke ich Seiten und Verhaltensweisen in mir, die mir wirklich unangenehm sind.

Man braucht schon ein gute Psyche um mit solchen Einsichten klar zu kommen. Ich bemerke das Klavierspielenerlernen eine gute Charakterschulung sein kann.

Go to top