Juli 2019
Die dritte Chorwoche! Sicherlich die anstrengendste von allen dreien. Das Werk im Plenum: Haydns Schöpfung. Mein Studio: wie immer der Jazzchor. Diesmal mit gar nicht so vielen Liedern. Der Chorleiter ist vorsichtiger geworden. Die vier waren schwer genug und das fünfte hat er aus Rücksicht mit uns fürs nächste Jahr aufgehoben.
Es gibt vier Studiochöre, zudem Gehörbildung I und II, Dirigieren I, II, III, Komposition, Yoga und den völlig ausgebuchten Masseur der die Rückenmuskeln lockert. Morgendliches Einsingen bei einem der fünf Stimmbildner, zusätzlich drei Stimmbildungseinheiten über die 10 Tage verteilt. Einen Abend spielt eine Gruppe Volksmusik und es wird dazu getanzt. Manch einer wirft sich dazu in Tracht. Und Mittwochabends findet das vielgepriesene Karaoke mit der Liveband statt. Der heimliche Höhepunkt in diesen zehn Tagen!

Das Plenum war für mich in diesem Jahr keine besonders große Herausforderung. Ich habe die Schöpfung schon ein paar Mal mitsingen dürfen und konnte mich an viele musikalische Details erinnern. Nach ein paar Tagen stellte sich sogar das beruhigende Gefühl ein, dass ich sie nahezu auswendig kann. Meine Einschätzung hat sich bei der Generalprobe als richtig erwiesen. Eine Mitsängerin hatte ihre Noten in der Stuwo vergessen und ich konnte ihr meine Partitur leihen. Das war das erste Mal das ich einem Dirigenten während der gesamten Dauer einer Probe in die Augen schauen konnte.
Er hat gespürt das die meisten Teilnehmer das Werk schon mal gesungen haben und deshalb konnte er mit viel Liebe zum Detail und Interpretation mit uns Sängern die Schöpfung ausarbeiten. Das war eine beglückende Erfahrung für jeden von uns.

Man kann sehr gut nachempfinden, warum dieser Mann ein gerühmter Chorleiter ist. Im Dezember konnte ich in Wien eine Aufführung im Musikverein vom Arnold Schönbergchor mit dem Bachschen Magnificat besuchen. Er als Leiter von dem Chor wurde an diesem Abend nach dem Konzert unter stehenden Ovationen auf die Bühne heraus geklatscht

Der Oberstimmenchor wurde in diesem Jahr von einer Koreanerin geleitet, die alte Musik vom Linzer Domkapellmeister, das Studio mit der bunten Mischung vom Chef persönlich. Das Programm des Jazzchores wird von einem äußerst sozial eingestellten Jazzpianisten ausgearbeitet. Er erteilt an Schulen regelmäßig Musikstunden für benachteiligte Kinder und das ist ihm eine große Herzensangelegenheit. Er will diesen Kindern zeigen das Musik ein Licht im Alltag sein kann, das Kreativität und Stärke in ihnen steckt und über Töne herausgelassen werden kann. Und um ihre Träume mit den Klängen der Melodien ein wenig bunter zu färben.
Und natürlich spielt er Klavier, wow!!!

Drei Mitsänger aus meinem Dienstagschor haben auch an der diesjährigen ICAK teilgenommen. Mit einer von ihnen habe ich mir zufälligerweise das Appartement geteilt. Wir beide hatten so unterschiedliche Zeiten, das wir uns in den 10 Tagen höchstens 5 x über den Weg gelaufen sind. Ich werde abends eher noch munterer und wenn ich mich in netter Gesellschaft befinde auch nicht müde. Zumal der Österreicher und der Wiener im besonderen einen blitzschnellen und frechen Humor aufweisen kann, der mich regelmäßig zu Lachanfällen motiviert und zuverlässig verhindert das ich zur Ruhe komme.

Interessant ist es auch wie sich alljährlich die Gruppendynamik ein wenig verändert. Man umgibt sich gerne mit den Menschen mit denen man im vergangenen Jahr gute Erfahrungen gemacht hat, nette und lustige Gespräche führen kann. Dann gibt es vielleicht einen Neuzugang der auch gut zu einem passt. Oder man streift selbst umher und wird dann anschließend wieder von der vertrauten Truppe eingefangen. Und ich habe das Glück sehr sehr liebe und freundlich zugewandte Mitsänger gefunden zu haben mit denen ich auch unterm Jahr gerne in Verbindung bleibe.
Ich hatte mir in diesem Jahr vorgenommen an jedem Tag der ICAK mit einem Teilnehmer zu sprechen den ich bisher noch nicht gekannt habe. Die selbst gestellte Aufgabe ist mir gelungen!

Es gibt auch Sänger die an allen drei Chorwochen teilgenommen haben. Das ist schon eine kleine eingeschworene Gemeinschaft. Man hat so große Sympathie füreinander. Ist der andere ja erkennbar genauso ein bisschen verrückt wie man selbst.

Das Wetter in Niederösterreich ist wieder wunderbar gewesen. Die Marillen waren reif, die Bäume in den Gärten haben sich unter ihrer orangenen Last gebogen und viele Äste mussten wegen der beachtlichen Menge an Früchte mit Stangen gestützt werden. Es gibt in Krems das Marillenfest und es ist beeindruckend herauszufindend wo man Marillen auch noch hinein verarbeiten kann um selbst so gewöhnliche Dinge wie Senf oder Schokolade aufzuwerten. Natürlich musste ich auch dafür sorgen, dass einmal Marillenknödel mit Röster auf dem Speiseplan steht. Hat ebenfalls geklappt.

Heuer hat es keinen Caterer im Studentenwohnheim gegeben. Man musste sich Morgens, Mittags und Abends also komplett selbst versorgen. Die Küchen auf den Etagen wurden deshalb eifrig genutzt. Zwar mehr mit kulinarischen Improvisationstalent, weil die Ausstattung dort nicht sehr üppig ist. Die umliegenden Restaurants und Wirtschaften haben dagegen von den ICAK Teilnehmern profitiert. Ganze Schwärme von Sängern haben das Mittagsangebot genutzt.

20190726 093013Abends beim Heurigen gibt es Bradlfett- oder Schnittlauch Brotn und Käseplatten. Perfekt als Unterlage für den Weingenuss. Was habe ich heuer von den Österreichern gelernt? Ein Glas Wein, beispielsweise ein Veltliner, ein Glas Wasser, ein Glas Wein, usw. Auf die Art übersteht man angemessen und mit Haltung die langen Abende. Der "Gspritzte" ist nichts für mich, dafür ist mir der Geschmack vom Wein immer zu schade.

Ich habe wieder Dirigieren I belegt. Der diesjährige Dozent dafür hat die Schläge und die Auftakte sehr verständlich erklären können. Ich habe mich etwas sicherer beim Ausführen der Bewegungen gefühlt. Es besteht die Möglichkeit beim Abschlusskonzert eines von den leichteren Liedern zu dirigieren. Das hätte ich aber niemals gewagt. Zumal ich ab Mittwoch dann eh diese Stunden schwänzen musste, weil der Schlafmangel sich deutlich bemerkbar gemacht hat.

Jede Zwischenpause wurde genutzt um sich für wenigstens 10 Minuten aufs Ohr zu legen. Das lernt man recht schnell auf dieser Woche: Powernaps abzuhalten. Anders wäre diese Woche nicht zu überleben.

In Gehörbildung I habe ich in diesem Jahr zu meiner sehr großen Überraschung bedeutend mehr vom Inhalt verstanden. Besonders wenn die Rede von Kadenzen war, von den Akkorden und ihren Umkehrungen. Ich konnte sogar manche Fragen richtig beantworten. Wie stolz war ich da. Das verdanke ich den Harmonielehre-Lektionen meines unermüdlichen Jazzpiano Dozenten.

ClaudiaFügel2Mein bisschen Mut wuchs, so das ich mich im Festsaal in einem stillen Moment an den Flügel gesetzt habe. Konnte die Burgmüller Etüden und die Traummelodie spielen. Natürlich blieb das nicht unbemerkt! Eine Paparazza hat mich aufgespürt und den Moment mit der Kamera eingefangen.

Ich habe dem Professor für Tonsatz und Komposition von meiner kleinen Melodie erzählt und er sagte das es ihm sehr häufig auch so ergeht. Er hat neben seinem Bett immer einen Block und einen Stift zum Niederschreiben platziert. Da wäre durchaus manche brauchbare Idee dabei. Er wollte mir ursprünglich sogar eine Stunde geben um mir zu helfen ein würdiges Ende für die paar Takte zu finden. Natürlich hat er das im Laufe der Woche vergessen, (typisch Professor!) und ich war zu schüchtern um ihn an sein Angebot zu erinnern.


In Retz findet jährlich ein kleines feines Musikfestival statt. Retz ist ein entzückendes Städtchen nahe der Grenze zu Slowenien, nicht weit von Krems entfernt und erinnert an eine Puppenstube. Wir konnten Karten für die Oper „Maria Magdalena“ erwerben, die unser Professor aus Gehörbildung komponiert hat. Im Herzen ist er Flötist, zugleich Komponist und „Maria Magdalena“ war eine Auftragsarbeit.

Das Ergebnis hat mich, aber auch andere sehr sehr stark beeindruckt. Liegt es daran das wir den Komponisten kennen? An der Musik selbst? Die Entwicklung des Werkes konnten wir zum Teil durch seine Erzählungen aus dem letzten Jahr mitverfolgen und so meint man in gewisser Weise beim Entstehen dabei gewesen zu sein.
Ich weiß welche Instrumente ihm viel bedeuten. Auch er hat eine sehr musikbegabte Familie und ein musikalisches Umfeld. So denkt man, man könnte durch das Heraushören der einzelnen Instrumente eine Art Metaebene herauslesen die zu einem spricht. Warum hier das Cello, da die Flöte oder der Kontrabass diese oder jene harmonische Linienführung hat.

Es gibt Musik die einen sehr berühren kann. Das war einer jener ganz besonderen Momente. Jedes Wort anschließend wäre zu viel gewesen. Wie kann man sein Glück und zugleich seine Erschütterung darüber so etwas Schönes gehört zu haben, ausdrücken? Was sagt man danach? Solches kann man eigentlich nur noch mit Plattitüden zerreden. Weinen aus Ergriffenheit wäre durchaus eine Option gewesen. Sagt das doch ganz was anderes und stärkeres aus als ein: Sehr schön. Hat mir echt gut gefallen. Gerne mal wieder. Eine Teilnehmerin kam und wollte ein Gespräch über das Mittagessen starten. Da kann man dann fast nur noch unhöflich sein.

Solch ein Ereignis führt mir wieder vor Augen, weshalb ich mich so gerne, wenn auch höchst dilettantisch mit der Musik beschäftigen möchte. Und diesen tiefen Wunsch verspüre mehr davon zu verstehen. Ein- und Abzutauchen in Melodien und Töne. Ein wenig von der Begabung derer zu partizipieren die in der Lage sind, sich über dieses Medium auszudrücken. Mich darin zu verlieren. Sie in meiner Seele zu spüren. In diese Parallelwelt abzutauchen die seit vielen Jahrhunderten neben der realen Welt existiert.
Die ganze Woche ist für sich genommen schon so toll, aber dieses geballte musikalische Wissen, diese Talente, die tiefe Freude die entstehen kann wenn man sich damit befasst, mich in dieser Gemeinschaft befinden, das alles bedeutet mir sehr viel.
Nach dem Gottesdienst am letzten Tag: so viele Abschiede, feuchte Augen, Umarmungen, Versicherungen: wir sehen uns wieder, ein liebevolles Auseinandergehen.

Beim Heimfahren bin ich rechts der Donau entlang gefahren und habe den gemächlichen Verlauf des mächtigen Flußlaufes verfolgen können. Am Straßenrand noch zwei Steigen reife Marillen erworben. Es sind nur echte Marillen wenn sie in der Wachau gewachsen sind. Das heisst am Tag nach der Heimkehr viele Stunden in der Küche stehen und Marmelade einkochen. Das lohnt sich aber übers Jahr gesehen. Jedes Glas ist eine kleine Erinnerung an die schönen heißen Tage die erfüllt waren mit Musik, Wein und Gelächter.

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