März 2019
Vorab einen herzlichen Dank an Herrn Brunner, der mir so liebe Worte zu meinem Blog und dem Versuch mir das Klavierspielen anzueignen übermittelt hat. Ihre ermutigenden Worte erreichten mich zu einem Zeitpunkt an dem ich wieder mal meinen ambitionierten Plan grundlegend in Zweifel gezogen habe.

So. Der Clementi erweist sich als etwas spröde. Ich habe die zweite Seite in Angriff genommen. Es ist noch auf beiden Seiten ein ziemliches Herumgestolpere. Wechsel in andere Tonarten, viele Dynamiken, Stakkatopunkte, Bindebögen, ein paar Kreuze. Es gibt Fingerwechsel, die mir nicht immer einleuchten. Blöd, wenn man sie sich falsch einübt. Dies zu korrigieren erfordert fast noch mehr Aufwand als das Einüben selbst. Aber da ist mein Klavierpädagoge erbarmungslos. Er hört, auch wenn er gar nicht hinschaut, das ich mit einem falschen Fingersatz die Töne spiele. Wie ist sowas nur möglich???

Ich soll in der Stunde alle drei Stücke anspielen. „Die Unschuld“ von Burgmüller kann ich inzwischen auswendig und brauche die Noten nicht mehr dazu. Wir nehmen uns die zweite Etüde aus dem Opus 100 vor: "Arabesque". Ein ganz andere Stimmung. Nicht gebunden, ein Marsch. Hat im ersten Moment erschreckend ausgesehen, viele Achtelnoten, ist aber auf den zweiten Blick gar nicht so schwer. Ich spiele es ihm noch zu langsam, aber das ist mir wurscht. Ich will es lieber im gemächlichen Tempo versuchen und dafür mit weniger Verspieler. Mit mehr Sicherheit kann ich es bestimmt irgendwann mal im richtigen Tempo spielen.

Er hat ein neues Heft dabei. „Die Jugendfreuden“ von Anton Diabelli. 4-händig. Das ist großartig zum-sich-Annähern bei Beginn in einer Unterrichtstunde. Die erste Seite prima vista versucht. Notentechnisch scheint es gar nicht so schwierig zu sein. Es wird sich recht hübsch anhören, wenn ich es mal besser kann. Mein Pädagoge spielt einen Grundrhythmus und ich tupfe die Melodie drauf. Ich glaube es ist leichter als das selbstkomponierte „Floating“ aus der Jazzschule. (Was sich im Übrigen nun doch nicht als Ritual herausgestellt hat. War vielleicht auch ein wenig vermessen von mir zu erwarten, das der Dozent sich immer wieder was Neues zum gemeinsamen Einspielen für mich zusammen komponiert).

Das Heft soll ich mir auch kaufen. Das mache ich voller Freude. Im Hieber stolpere ich über ein weiteres Buch: "Harmonielehre im Selbststudium". Das wird zur Zeit im Clavioforum von einigen Teilnehmern durchgearbeitet und von den Fortgeschrittenen und Profis mit Hinweisen und Korrekturen beantwortet.

Einer von den neueren Mitglieder hat sich in sehr kurzer Zeit ungemein engagiert in das Buch hineingekniet. Hat dann voller Verblüffung feststellen müssen, um wie viel besser er nach dem intensiven Beschäftigen der Aufgaben, plötzlich die Zusammenhänge und die musikalischen Strukturen in seinen Übungsstücken verstanden hat. Im Unterricht konnte er die Noten leichter lesen, Akkordfolgen besser erkennen, er hat sich soviel sicherer gefühlt.

Das will und muß ich auch können und deshalb möchte ich es ebenfalls mit diesem Buch versuchen.

Ein weiterer Grund weshalb ich das Buch noch gekauft habe: ich habe mit großem Entzücken das Wort „Akkolade“ auf Seite eins kennengelernt. Das ist die Klammer die beide Notensystem zusammenhält. Hätte ich dieses nicht entdeckt, hätte ich in das Buch nicht länger hineingelesen und es wahrscheinlich auch nicht gekauft.

antique black and white close up 159420Natürlich ist es ein Wagnis und vielleicht auch zu hoch gegriffen oder vorgegriffen. Keine Ahnung ob ich die Aufgaben verstehe und beantworten kann. Noch weniger weiß ich, ob ich überhaupt die Zeit dafür aufbringen kann.

Arbeitstechnisch gibt es jedes zweite Wochenende für mich einen Dienst. Dazu einen bis zu drei Abenddienste in der Woche. Drei Chöre: Verdis "Requiem", Mendelssohns "Elias" und  "Der Lobgesang" benötigen auch Zeit. GottseiDank alle drei schon mal einstudiert. Was aber nicht heisst, das ich diese Werke richtig singen könnte. Solche Dinge vergisst man schnell wieder und dann kann man kaum glauben, das man es schon mal aufgeführt hat. Der Klavierauszug wäre ein Beweis. Aber beim Singen rätselt man schon wo um alles in der Welt, sich die Erinnerung an die eigene Stimme hin verflüchtigt haben mag.

Zwei Umzüge in der Familie müssen derzeit mitorganisiert werden und kosten Energie. Der meiner Mutter ist schmerzhaft, es ist die Wohnung in der ich aufgewachsen bin. Ein wehmütiger Abschied. Es hängen soviele Erinnerungen daran. 50 Jahre. Ein halbes Leben. Weitläufiger Altbau, viele große Zimmer, knarzendes Parkett, hohe Decken, die Diele geht um zwei Ecken, blühende Mandelbäume im Frühjahr vor den Fenstern. Schwabing. Kindergarten, Schulen, Ausbildung, Freundschaften, erste Lieben. Meine Eltern haben in ihr Partys gefeiert, es wurde im sehr großen Wohnzimmer geraucht, gelacht und getanzt. Chet Baker, Wes Montgomery und Carlos Jobim auf dem Plattenspieler; das Büffett stand in der nicht minder großen Küche. Die Wohnung hat geglänzt, in ihr war Leben und Drama zugleich.
Woche für Woche fehlen nun Dinge, meine Mutter leistet sich gerade viel emotionale Aufarbeitungsarbeit. Ich staune zu was sie in ihrem Alter noch in der Lage ist. Mit welcher Leichtigkeit sie sich Dinge entledigen kann, wo ich mir denke, „Wie konnte sie das nur wegwerfen???“. Bei anderen Dingen, für mich Wertstoffmaterial, da macht sie sich zuviele Gedanken. Möchte sie verschenken, in guten Händen wissen. Ich bin häufiger bei ihr, sie braucht Beistand und Unterstützung. Viele Dinge überfordern sie. Es gibt bei dieser Gelegenheit auch reichlich Konfliktpotential. Ich bin halt immer noch das Kind für sie. Mein abwesender Bruder fehlt sehr. Er hat bei ihr bedeutend mehr Einflußmöglichkeiten als ich.

Der Umzug meines Sohnes dagegen ist ein freudiger Aufbruch ins Leben. Die neue Wohnung hat ein Zimmer mehr als seine bisherige. Lebendiges Westend. Renovierter Altbau, schönes Parkett, sehr nette Hausgemeinschaft. Beim Einzug haben sich die Hausbewohner mit „Du“ vorgestellt und gleich Leitern, Kaffee und Vorhänge zur Verfügung gestellt. Dafür war sein bisheriges Apartement heller und wärmer. Er wird es vermissen, und das ist ihm beim gemeinsamen Saubermachen vor der Schlüsselübergabe klar geworden.

Zwei solch gegensätzliche Veränderungen, bei Mutter und Sohn, die nehmen mich mit und zehren nicht nur Zeit sondern auch Kraft.

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