Ende Februar 2018 fand die erste Unterrichtsstunde statt. Geplant war ein zweiwöchentlicher Abstand der Unterrichtsstunden. Ich dachte mir, ich brauche Zeit um die Informationen aus einer Stunde zu verarbeiten. Glücklicherweise hat mein JazzPianolehrer gleich erkannt das dieses Vorhaben, abgesehen von der grundsätzlichen Vermessenheit mich in meinem Alter mit dem Klavierspielenerlernen zu beschäftigen, nicht gut wäre.

Es würde a.) zu lange dauern Inhalte zu erlernen, und b.) ist es noch schwieriger etwas falsch eingeübtes aus dem Bewegungsmuster rauszukorrigieren.

Auf und Abs. Viele! Gedanken über Musik, Melodien, Rhythmen. Gespräche über diese Themen. Tiefe und ungewohnte Einblicke, beinflusst von diesen Eindrücken, in mein Inneres.

Kleinere Erfolge, gelegentlich Zufriedenheit, Begeisterung wenn Schwierigkeiten auf einmal keine mehr sind.

Der Wahnsinn einen weiteren Klavierlehrer zu engagieren scheint dagegen inzwischen eine gute Idee gewesen zu sein. Sehe keinen Grund diesen Versuch ruhen zu lassen. Ich möchte weiter lernen, üben, verstehen und spielen.

Körperliche Verfallserscheinung: meine „Frozen Shoulder“. Brauch ich so schnell nicht nochmal. Seit zwei Wochen kann ich mich mit der linken Hand unter der rechten Achsel waschen. Toller Fortschritt. Geht echt langsam voran. Habe aber fast keine Schmerzen mehr, nur Bewegungseinschränkungen. Die hinnehmbar sind. Die wichtigesten Dinge wie anziehen, Autofahren, Klavierspielüben und inzwischen auch wieder radeln sind möglich.

bokeh contemporary daylight 814262Musikalisch war dieses Jahr sehr umfangreich.

Drei Chorwochen: St. Pölten: Laudate Dominum Kirchenmusikwoche – Mozarts C-Moll Messe, Vivaldis Gloria. Hinterschmidinger Chor und Orchesterwoche: Cyrillus Creek – Requiem. Die ICAK in Krems: Bruckners F-Moll Messe.
In den Chören: Haydns Nelson Messe, Mendelssohns Lobgesang, die Walpurgisnacht, Beethovens Neunte, Bruckners TeDeum, Mozarts Requiem, Bachs Weihnachtsoratorium.

Ich liebe es in die Chorwerke einzutauchen. Wenn ich den Klavierauszug erstmalig in der Hand halte, so nagelneu, keine Note weiß und das Papier so frisch riecht. Am Ende kenne ich jede Stimme, habe jede Note vielmals gehört. Die Generalprobe am Ende der Probenphase mit den Musikern, dazu noch die Solisten.
Ich habe diese Werke nicht geschrieben, aber sie sind mir über die lange Einstudierungszeit vertraut geworden, in mich eingedrungen und ein Teil von mir geworden. Das kann mir niemand jemals wieder entreißen.

Dieses musikalisch so reiche und fordernde Jahr! Ich bin sehr dankbar mich mit der Musik beschäftigen zu dürfen. Ich habe zwei mutige und gelassene Klavierlehrer. Zwei engagierte Chorleiter, die über eine lange Zeitdauer sich bemühen den Chor in die Gänge zu bekommen und am Ende der Probenzeit mit der Aufführung zu Höchstleistungen zu bringen. Sechzig oder mehr Menschen mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten zu einem gemeinsamen Ziel zusammenschweißen kann schwierig sein. Dabei wird die Person „Chorleiter“ sehr eingenommen. Das ist unserem jungen Chorleiter zu viel und er hat manchmal Angst vor dieser „Liebe“ die ihm entgegen gebracht wird. Denn die fordert im Gegenzug auch und da muß man sich abgrenzen lernen.
Ich kann das als Chorsängerin gut verstehen. Man sieht sich jede Woche zuverlässig für zwei Stunden. Es gibt Chorwochenenden und Stammtische. Meine Mutter sehe ich nicht so regelmäßig. Mein Fokus geht an eine Person. Der Chorleiter muß sich an sechzig Personen richten. Klar das es da zu einem Ungleichgewicht an Aufmerksamkeit kommt. Dies und die Bewunderung des musikalischen Wissens und Könnens eines Chorleiters und Dirigenten führt häufig zu einer natürlichen, anbetungsvollen und gottgewollten Dirigentenverehrung. (Nicht meine Worte; ich zitiere nur).

Ich muß nochmal meiner langjährigen Freundin danken, die mir auf eine sehr direkte und fast provokante Art und Weise den Impuls gegeben hat, meinen Wunsch das Klavierspielenerlernen anzugehen. Liebe Wipp, dank dir für den Anstoß in dieser Sache. Dafür und für deine Klarheit und Ehrlichkeit, die dich in den inzwischen 40 Jahren unserer Freundschaft immer ausgezeichnet haben. Und die mir in Zeiten von Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit oft eine Hilfe waren.

Für das Jahr 2019 habe ich keinen Vorsatz gefaßt. Aber ich habe einen Spruch von Ernst Bloch, dem Philosophen, gelesen, der ein Motto für mich werden könnte. „Man muß ins Gelingen verliebt sein, nicht in das Scheitern.“

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