Mein temperamentvoller klassischer Klavierpädagoge macht mir während des Unterrichts viel Mut. Wenn Probleme auftauchen, läßt er mich ein paar Mal versuchen diese alleine zu lösen. Klappt es nicht, zeigt er mir wie ich damit umgehen kann. Meistens ist es nur eine Kleinigkeit, ein kleiner Trick, und es tut sich in mir ein gewaltiger Aha-Moment auf. Er weiß immer eine Lösung bei Schwierigkeiten. Da ist ein deutlicher Erfahrungsvorsprung zum Jazzklavierunterricht zu erkennen.
Allerdings kann ich ihm nicht mit Aufgabenstellungen aus dem Jazzbereich kommen. Er hat unumwunden zugegeben keine Ahnung von der Materie zu haben. Einmal habe ich aus diesem Grunde meinen ehemaligen Kirchenchorleiter mit einer Aufgabe zu den Jazzkadenzen konfrontiert. Ich habe ihm meine Lösungsvorschläge gezeigt und gebeten zu kontrollieren ob sie richtig sind. Er schaut sie an, überlegt und bewertet sie als richtig. Ich war ein bisschen erleichtert die Aufgabe verstandenzu haben.

Von wegen, die erste Aufgabe war zur Hälfte richtig, die zweite komplett falsch.

Na da schau her! Ich dachte ein Kirchenmusiker mit seinen Kirchentonleitern wäre in dieser Hinsicht etwas näher am Jazz dran als ein Pianist, der Schumann und Liszt liebt.

Aber ich kann dadurch erkennen, das das Thema Jazz mit seinen Harmonien ein sehr schweres ist. Und wenn selbst studierte Musiker irren, darf ich in dieser Hinsicht erst recht noch lange Fehler machen.

Der Pädagoge mit seiner mitreißenden Art peitscht mich geradezu weiter. „Jetzt Claudia, jetzt kannst du die Noten. Und jetzt machen wir Musik daraus“. Das leuchtet mir dann ein und ich bin wirklich willens ihm zu folgen. Fast könnte ich es. Es fehlt gar nicht viel.

Aber ein Verspieler und ich habe vor lauter „Wollen“ vergessen wie es weiter geht. Puff. Die Luft ist draußen. Das tut mir dann auch für den Pädagogen leid, der mich nicht nur technisch, sondern auch psychologisch führen und fordern möchte.

20181130 213711Ich besuchte vor kurzem eines seiner Konzerte. Ein kleines Konzert mit großem Inhalt. Schumann, Schubert und Liszt. Ich kann gar nicht sagen was ich mehr bewundere: die Werke an sich oder die Tatsache, das er diese schweren Werke alle auswendig gespielt hat.
Ehrlich, nach dem Konzert habe ich tiefes Mitleid für ihn verspürt weil er sich mit solch einem Anfänger wie mir beschäftigen muß.

Im Klavierunterricht hat er mir mal die eine oder andere kurze Sequenz aus seinem Konzert vorab zum Besten gegeben. Da verfällt er in einen Modus als wenn er ferngesteuert wird. Der Blick wird leer. Vielleicht ist "innerlicher" der bessere Ausdruck. Die Finger tanzen und hüpfen in einem ungeheurem Tempo über die Tasten. So freudig feurig wie er in seiner Persönlichkeit ist.

Das Konzert fand im Steinway Haus statt. Dort stehen nicht nur ungezählte Klaviere zum Verkauf bereit, man kann dort auch kleine Aufführungsräume mieten und sich sein eigenes Programm ausarbeiten. Das Publikum ist dann eher aus dem Bekannten-, Freundes- und Familienkreis.

Der Wahnsinnsflügel auf dem er gespielt hat, kostet normalerweise 77 000 Euro. !!!

Ich erinnere mich: ich wollte knapp 1000 Euro für mein digitales Piano ausgeben. Ich kam mir schon sehr waghalsig vor als es dann 2500 Euro wurden. Die Entscheidung für das Modell bereue ich allerdings keinen einzigen Moment.

Die Anschlagsmechanik und Gewichtung der Tasten von meinem Yamaha CLP 675 ist einem Flügel nachempfunden und die Haptik der weißen Tasten dem Elfenbein und die schwarzen sind tatsächlich aus Holz. Ich stelle an der Jazzschule fest, dort übe ich an einem akkustischen Klavier der Marke Essex, das an diesem die Tasten bedeutend leichter anzuschlagen sind als bei mir daheim.

Natürlich ist der Klang von einem echten Klavier schöner. Man kann den Ton spüren und fühlen. Das geht mit den bits and bytes von einem elektronischen Klavier eben nicht.

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