Meine letzte Stunde in dem Schuljahr. Für diese Stunde habe ich mir gewünscht nichts am Klavier zu spielen oder noch etwas Neues zu erlernen. Ich hatte es nicht geschafft auf eines der Abschlußkonzerte zu gehen mit denen die Absolventen der Schule das Ende ihrer Ausbildung feiern. Deshalb bat ich meinen Lehrer in dieser Stunde mir Lieblingsstücke von sich auf seiner Gitarre vorzutragen. Ich habe ihn am Klavier erlebt, aber seine wahre Leidenschaft, das Gitarrenspiel, habe ich nicht kennengelernt. Das fand ich ein bisschen schade und hoffte auf ein ein kleines Privatkonzert.
Im Musikzimmer rocken grade fünf Musiker, die uns mit guten Argumenten auf die Suche nach einem freien Raumes weiterschicken. Sie haben völlig recht, bis sie ihre Noten, Instrumente und Kabel eingepackt haben, wäre die Stunde fast vorbei.

Natürlich spielt er wie erwartet wunderbar leichtfingerig und mit großem musikalischen Feingefühl auf seinem Instrument. Ich bekomme eine kleine Einleitung zu jedem der Lieder, den Grund oder die Entstehungsgeschichte für die Komposition. Sehr unterschiedliche kleine Werke.

Was mir bereits bei seinen Übungsminiaturen aufgefallen ist; sie haben immer einen kleinen „Twist“. Sie sind nicht nur einfach schön oder besonders melodisch, eher repetetiv. Sie transportieren für mich zusätzlich eine weitere musikalische Ebene. Es ist schwierig das zu beschreiben, man wandert mit der Melodie mit und ein Teil des Hörens und Empfindens läßt sich auf diesen schwebenden Weg in eine andere Richtung hin entführen.

Die Musik klingt. Ich höre und spüre sie. Denoch läßt sie sich schwer in Worten beschreiben, muß man sie doch mit seinen Sinnen erfassen, nicht mit dem Verstand. Aber irgendwas gescheites hätte ich gerne hinterher schon dazu gesagt, aber was sagt man da ohne allzu pathetisch zu wirken? Ich muß auch immer den Altersunterschied bedenken, eine 54 jährige Frau empfindet so ganz anders als ein vielleicht 25 jähriger. Ich kann das an meinen beiden Kindern sehen die ein ähnliches Alter wie er haben. Sie stehen manchmal mehr als verständnislos meinen Erfahrungswerten gegenüber.

piano 571968 1920Ein leichter Wehmutschmerz erfasst mich. Im neuen Schuljahr soll es einen neuen Dozenten für mich geben. Das macht mir schon seit einiger Zeit ein wenig Bauchweh. Was wenn er oder sie es nicht schafft mit mir geduldig umzugehen? Oder ich spüre wie diese an meiner Begriffstutzigkeit verzweifeln? Wie viel schneller werde ich meine Nerven dann noch verlieren?

Am Ende spielt mein Klavierlehrer noch ein wunderschönes selbstkomponiertes Klavierstück für mich. Ich habe Teile davon schon hören können, wenn ich bei Unterrichtsbeginn vor dem Raum gewartet habe und er das Stück noch mal für sich selbst gespielt hat. Ich wollte es so gerne einmal im Ganzen hören. Eine reduzierte, gleichsam schwebende und überraschende Melodik. Es hörte und fühlte sich an als hätte man etwas wieder gefunden, etwas zartes Vergangenes, von dem man öfter schon geträumt hat. Was man aber niemals besitzen und aufbewahren kann, wie die verstrichene Zeit. Zum Weinen schön.

Also! Wenn ich ein Ziel für meinen weiteren Unterricht formulieren müßte, dann wäre es jenes: dieses Stück einmal so schön spielen zu können.

Danach meine bange Frage, ob es sowas ähnliches wie eine Art Übergabe von mir zum nächsten Dozenten geben wird? Ob er jetzt schon jemanden wüßte, bei dem ich mich aufgehoben fühlen könnte.

Dieser bescheidene junge Mensch packt sorgsam seine Gitarre in den Koffer und erwähnt nur nebenbei, daß er im nächsten Jahr als fester Dozent an der Schule eingestellt und weiter unterrichten wird. Meine Freude war groß. Trotzdem mußte ich, nachdem ich ihm zur Anstellung gratuliert habe, erstmal fragen ob er mich denn dann auch wieder übernehmen würde. Schließlich ist es sicherlich nicht so einfach mir etwas bei zu bringen, weil als Beginner zu alt, zu langsam, und und und ….

Er hat ja gesagt und ich war froh. Nun weiß ich mit was ich im nächsten Jahr rechnen kann, das gibt mir etwas Sicherheit.

Ich sollte eine Art Bewertungsbogen für ihn erstellen, was ich aus den vergangenen Stunden behalten habe, was mir Schwierigkeiten gemacht hat, was man wie und mit welchen Methoden verbessern könnte.

Dieser war relativ leicht auszuarbeiten, außer den Worten Akkorden und Improvisieren stand da am Ende nicht viel Weiteres drinnen. Aber ich weiß das ich mit diesem Thema noch lange nicht fertig sein werde. Schließlich habe ich Klavierunterricht an einer Jazzschule angefangen.

Später kam eine Art Feedback von ihm an mich zurück. Er hat sehr wohl wahrgenommen wenn ich verzweifelt war, weil ich mir mit dem Erlernen dieser Fähigkeit schwer tue. Und mich innerlich verwinde, weil ich es nicht schaffe, frei aus mir heraus zu spielen.

Bin wohl doch nicht so eine gute Schauspielerin wie ich von mir glaubte. Oder er ist in der Lage hinter meine aufgesetzte Fassade zu blicken. Das ist auch nicht viel besser!

Ein bisschen Lob stand auch drinnen. Das Notenlesen würde für die kurze Zeit schon ganz gut gehen. Dazu muß ich sagen, ich versuche sie nie oder nur selten in die Notenblätter hineinzuschreiben, weil ich mich an das Bild gewöhnen möchte, nicht an die Bezeichnung. Im Chor, wenn die anderen Stimmen üben, gehe ich oft im Kopf die Tonhöhen durch. Dabei trainiere ich das ein wenig. Auch versuche ich oft die gemeinsamen Anfangstöne der vier Stimmgruppen zu deuten um zu erkennen was für ein Akkord der erste Ton sein könnte.

Wenn man bedenkt wie lange ich mich schon in den Chören ohne Notenkenntnisse durchschummle! In Krems habe ich heuer das erste Mal auf Anweisung vom Professor für Chormusik kleine „Dacherl“ und „Kasterl“ in die Bruckner Partitur hinein gemalt. Weil ich verstanden habe worum es ging! Mußte zwar manchmal meine Nachbarin fragen ob das nun ein Halbtonschritt war oder nicht, aber ich hatte ein bisserl ein Gespür dafür entwickelt.

Angeblich habe ich auch ein Gehör für musikalische Gestaltung. Was man anhand der kleinen Eigenkompositionen erkennen könnte. Das waren ja immer Aufgaben die mir am Ende Spaß gemacht hatten. Auch wenn ich anfangs Widerstand leisten wollte. Habe aber keine Vorstellung ob ich sowas häufiger produzieren könnte. Vielleicht hat das die drei Male einfach nur grade im richtigen Moment gepasst. Habe auch nie sonderlich viel Zeit dafür aufwenden müßen. Und meine Variationen bei „Townhall Square“ waren ja ehrlicherweise mehr Verspieler, die sich einfach nur auch gut angehört hatten.

Aber es freut mich das er das erwähnt hatte. Ich kann mich erinnern, das ich vor einigen Wochen da dringend eine Bestätigung für mein Selbstwertgefühl gebraucht hätte.

Ich bekam auch eine Erklärung für sein Beharren auf diesem Gebiet. Er sieht den meisten persönlichen Ausdruck beim Musizieren in eigener Musik und Improvisieren. Könnte er dies nicht, würde er keine Musik machen wollen. Wahrscheinlich ist das für ihn ein Weg sich auszudrücken, eine Art Sprache oder Kommunikation. Nebenbei hat es seiner Meinung nach über den musikalischen Schaffensprozess hinaus den Effekt die Werke anderer Komponisten besser nachzuvollziehen zu können und ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln. Ich bin nicht sicher ob ich jemals in der Lage dazu sein werde. Fühle mich nicht so feinsinnig und empfindsam. Aber man spürt wie wichtig ihm dieses Thema ist und ich bin froh einen kleinen Einblick in seine Sichtweise bekommen zu haben.
Und das ist es auch, was ich eigentlich an seinem Unterricht so interessant finde. Es geht mehr über das hinaus als nur das technische Rüstzeug zum Klavierspielen.

Wobei ich trotz dieser hehren Ausführungen mit den Beinen auf dem Boden bleiben muß. Ich brauche erstmal praktische Hilfestellungen um überhaupt Klavier spielen zu lernen. Nur dann kann ich mich vielleicht eines Tages auch mal sensibel und intuitiv über ein Instrument ausdrücken.

 

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