Viele Tage später:

Nachdem ich mich wieder beruhigt und tatsächlich eine ganze Woche das Klavier nicht angerührt habe, konnte ich mich erholt von Frust und Selbst-Enttäuschung an meine Aufgabe machen. Habe was neues entworfen. Es sollte was mit halben Notenwerten werden. Bin mir nicht mehr so sicher, weil ich in der letzten Stunde außer mir war und mich nicht mehr an alles erinnern kann, was wir da besprochen hatten. Das ist so, wenn ich meinen eigenen Erwartungen nicht gerecht werde und dann in einen Strudel negativer Gedanken gerate.

Ist mein Widerstand gegen die Anforderung gefallen ist, geht es erstaunlich leicht. Konnte mich in kurzer Zeit auf eine kleine Melodie einstimmen, mehrere Variationen dazu entwerfen und einem leider nicht ganz geglückten Ende. Mein erstes Problem war das sich das Stück in einem 6/4 Takt entwickelt hat und ich noch nicht einmal einen Namen dafür hatte. Mußte erst im Internet nachforschen wie das ganze rhythmisch bezeichnet wird. Es ist ein wenig walzerartig und ich habe das Thema in drei Varianten a drei Takten geschrieben. Es wären mir noch weitere Möglichkeiten eingefallen, aber es ist von Variante eins auf zwei und gar von 2 auf 3 immer komplizierter geworden, so daß ich es kaum selbst mehr spielen konnte. Wer weiß was mir bei dann bei Nr. 6  passiert wäre?
Ich habe die Noten wieder in MuseScore gesetzt und so konnte ich mir am Ende anhören wie es wirklich klingen soll.

piano 91048 1920Danach war ich ruhig und zufrieden mit mir. Dachte mir mein junger Lehrer wird mir sicher nichts übermäßiges zumuten wollen. Er weiß besser als jeder andere was ich alles nicht kann und vertraut darauf, das ich mich wenigstens im Ansatz bemühe seine Aufgabenstellung zu bearbeiten. Es ist ja sehr gut möglich das ein Plan hinter dem Ganzen steckt, schließlich absolviert er sein pädagogisches Aufbaujahr an der Schule. Was er mir halt nicht abnehmen kann, ist die Panik und Verzweiflung die bei mir wegen "Nichtkönnens" aufkommt. Das ist auch nicht seine Aufgabe, das muß ich schon selber mit mir ausmachen können.
Was ich aber von ihm erwarte und das über-erfüllt mein Dozent, ist das er ruhig bleibt, wenn ich in Aufregung gerate. Nicht auszudenken was passieren würde, wenn wir zu zweit die Nerven wegwerfen würden!

Was mich eigentlich überrascht, und zwar jedes Mal aufs Neue, ist, wie mich Musik von der hellsten Freude in tiefste Verzweiflung stürzen kann. Es überrascht mich nicht nur, es macht mir fast auch Angst. Wäre das Spielen oder Üben, manchmal auch das Zuhören noch so eine "Sensation", wenn ich schon fünf Jahre Unterricht hinter mir hätte?

Als ich angefangen habe im Chor zu singen, habe ich ähnliches erschütterndes empfunden. Damals in den Proben beim Einstudieren von Mozarts "Requiem" haben mir vor lauter Anspannung die Beine gezittert. Wenn ich in dieser Einstudierungszeit nachts wach wurde, ist eine kleine Sequenz aus dem Werk wie eine Wiederholungschleife in meinem Kopf abgelaufen. Dabei mag ich Mozart gar nicht mal so gerne. Aber es war gleichfalls so eine Art "Sensation" für mich. Als wir später das W.O. von Bach erarbeitet hatten, habe ich mich in den Proben häufig sehr zusammenreißen müssen, weil mich diese Musik bedeutend mehr im Inneren anspricht.
Nun verhält es sich mit dem Klavierspiel ähnlich. Wenn ich auf meine Erfahrung zurückgreifen kann ist es wahrscheinlich das der Unterricht bei mir irgendwann auch zur Routine wird und ich entspannt und gelassen auf neu-zu-erlernendes reagieren kann.

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