Oh. Cool. Heute habe ich etwas ganz Neues kennengelernt: "Modale Vamps". Ich weiß nicht worüber ich mich mehr begeistern kann; über den Begriff als solchen oder über das Gefühl ich kapiere worum es dabei geht.

Erklärung von infonaut.at:

Als harmonischer Rahmen werden im modalen Jazz eher musikalische Modi (Kirchentonarten) als Akkordfolgen verwendet. Obwohl der Begriff der Verwendung von Tonhöhen bestimmter Modi (oder Skalen) bei den Soli entspringt, werden nur bzw. zusätzlich nachfolgende Techniken bei modalen Jazzkompositionen oder Begleitungen eingesetzt:

  • ein langsam bewegender harmonischer Rhythmus, bei dem einzelne Akkorde vier bis sechzehn oder mehr Takte andauern können.
  • Orgelpunkte (ein lang ausgehaltener oder in bestimmtem Rhythmus wiederholter gleicher Ton, zu dem sich andere Stimmen harmonisch frei bewegen) und Borduns (engl. Drones; ein Halteton der zur Begleitung einer Melodie erklingt).
  • Abwesende oder unterdrückte funktionale Standard-Akkordfolgen.
  • Quartenharmonik oder Melodien.
  • Polytonalität

Oder eine Erklärung von deacademic.com:

Der Begriff Vamp (aus dem Englischen, ursprüngliche BedeutungFlickwerk“) bezeichnet im Jazz eine Begleitfigur, die meist in einer kurzen, sich ständig wiederholenden melodischenoder harmonischen Abfolge besteht. Musikalisch handelt es sich dabei um ein Ostinato.

Im ersten Moment erschrecke ich wenn ich höre: „Heute lernen Sie was Neues kennen!“ Dann werde ich sofort neugierig. Trotzdem bin ich noch kurz unentschlossen ob ich schon im voraus verzweifeln soll, weil ich fürchte es nicht zu verstehen. Dann heute die große Erleichterung weil es machbar scheint.

So viele Emotionen im Zeitraffer. Wo erfährt man so was schon, wenn nicht in der Klavierstunde? Ist wie ein emotionales work-out, viele Gefühle werden in kürzester Zeit angesprochen und auf ihre Beweglichkeit getestet.

discography 3173472 1920Beschwingtes Heimgehen. Wo dann beim Ausprobieren meine motorischen Fähigkeiten wieder auf die Probe gestellt werden. Eine Oktave greifen: geht grade so. Ich habe leider keine Liszt-Finger. Eher wurschtelige Beethoven Finger.

Nachdem in einem Vamp gar nicht so viel Töne drinnen stecken, habe ich sie technisch recht schnell raus. Kritischer wird es beim Rhythmuswechsel. Auf dem Papier mit den Beispielen gibt es vier unterschiedliche Systeme, 4/4 in F, in „D“, Wechsel in das System mit „A“ in 6/8, wieder Wechsel in 4/4 mit „G“. Der letzte ist der anstrengendste, es kommt ein „h“ drinnen vor und dieser Ton nervt mich. Eine laienhafte Beschreibung, ich habe noch nicht die Worte um zu erklären was ich da genau mache, oder um Zusammenhänge oder Anforderungen zu verdeutlichen.

Im Prinzip notiere ich den Verlauf der Stunden und meine Erfahrungen mit dem Erarbeiten der Aufgabenstellung für mich selbst zur Erinnerung auf. Manches klärt sich, wenn man sich sammelt um das Erlebte aufzuschreiben. Auf der anderen Seite kann ich ebenso erkennen wie wenig ich tatsächlich verstanden habe. In diesem Fall weiß ich nicht genau wie und bei welcher Gelegenheit diese angewendet werden sollen oder können. Bin mir aber sicher das dies in einer der nächsten Stunden geklärt wird.

Ich habe entdeckt, daß es ein Forum im Netz gibt, in dem es ausschließlich um Themen rund ums Klavier geht. Da verbringe ich gerne die eine oder andere halbe Stunde, bin abgelenkt oder motiviert, je nachdem bei welchem Thema ich mich gerade reinlese. Und hätte ich Fragen, könnte ich sie dort posten. Lauter Wahnsinnige die sich dort so herumtreiben! Zum Teil muß ich laut lachen wenn ich die Beiträge lese, weil dort ein ganz spezieller Humor gepflegt wird.

Wichtig scheint mir an dieser Vampgeschichte, das sie mit der linken Hand als Begleitung ausgeführt werden. Mit der rechten Hand soll ich dazu „improvisieren“. Die Worte „improvisieren“ und „Akkorde“ haben mich die letzten zweieinhalb Monate intensiv begleitet. Sie gehen mir ständig durch den Kopf. Meinen linken Arm haben diese lästigen Übungen schon mal schachmatt gelegt und ich spüre immer wieder, das ich besser nicht zu lange damit verweile. Und improvisieren ist eh mein „Lieblings-un-wort“.

Mein persönliches Umfeld versuche ich nicht allzu ausführlich oder zu detailliert mit Schilderungen von meinem Hobby zu belästigen. Ich merke sehr wohl, das mein Gegenüber meist nach wenigen Minuten bei meinen Erfahrungsberichten anfängt geistig weg zu driften. Vielleicht sind sie zu abstrakt, zu abwegig, zu wenig dem Alltag verhaftet und ja, vielleicht auch zu langweilig für denjenigen der sich nicht mit Musik oder dem Ausführen von Musik beschäftigt. Im Chor wären die musikalischen Gesprächspartner durchaus vorhanden. Reichlich. Aber die meisten sind so viel musikalischer und besser vorgebildet, das ich längst nicht an deren Niveau heran reiche. Da halte ich dann lieber meinen Mund.

Eine schöne Seele gibt es, die sich meine Erlebnisse, Enttäuschungen und Freuden sehr geduldig anhört, die meine Ausführungen schriftlich in Briefen aufgreift und ihrerseits mit ihren eigenen Erfahrungen mir sehr viel Mut macht. Danke liebe Ulli an dieser Stelle.

Abgesehen von Ulli reagieren die meisten mit freundlichem Desinteresse. „Aha. Du fängst also an Klavier zu erlernen! Bist du nicht ein wenig zu alt dazu?“ „Warum hast du denn nicht früher gestartet?“ „Ist dir langweilig geworden seitdem die Kinder aus dem Hause sind?“ Auch ein Klassiker: „ Das wird doch nie was werden; in deinem Alter!“ Natürlich ist mir das auch klar, ich werde niemals wie Bill Evans oder Chick Korea Klavier spielen können. Aber das ist ja eh eine Liga in die sehr wenige Pianisten aufgestiegen sind. Ich würde nur sehr gerne ein wenig in diese Richtung spielen können. Genauso wichtig ist mir, das ich erkennen und verstehen kann, was die Interpreten spielen oder warum es dann über eine Abzweigung musikalisch in eine andere Richtung geht und dann irgendwann mal wieder auf den alten Weg zurück. Ich hoffe das ich solche Dinge erfassen kann, wenn ich mehr Kenntnisse habe.

Mein mitfühlendes Interesse für so abwegigen Leidenschaften, wie z.B. das Sammeln von Plastikfiguren aus den Sechzigern oder an der Entwicklung von Fauna und Tierwelt im Mesozoikum ist ehrlich gesagt, meist auch nur geheuchelt. Also muss ich da schon aus meinem Gerechtigkeitsempfinden heraus Verständnis für meine Zuhörer haben. Immer faszinierend finde ich allerdings die Leidenschaft, das tiefe Interesse und diese Emotionen die dahinter stecken. Das liebe ich so sehr, wenn meine Freunde oder Familie von einer Sache gefangen sind und voller Begeisterung mit glitzernden Augen sich mir erklären. O.k. Abgesehen von den ganz schweren Fällen mit Fußball-Fanatismus. Da geht mit Heucheln leider gar nichts, da hilft nur brutale Ehrlichkeit.

Zurück zum Vamp.

Ich soll mit der rechten Hand improvisieren. Meine Lieblingsaufgabe. Also gut. Keine Ahnung was los war, aber ich hatte einen leisen Schimmer was damit gemeint sein kann. Hat mein junger tapferer Klavierlehrer die richtigen Worte verwendet oder ist in mir etwas gereift?

Jedenfalls habe ich das Gefühl, es könnte so was ähnliches wie eine Improvisation sein was ich da mache. Das heißt meine Finger spazieren auf den weißen Tasten nach oben und nach unten, während die linke Hand immer die gleichen Töne im gleichen Rhythmus anschlägt. Manchmal schaffe ich eine kleine Sequenz die sich sogar ein bisschen gut anhört. Ich erlaube mir eine leise Freude über diese neue Fähigkeit.

Meine Konzentration wird dabei auf eine harte Probe gestellt. Ich schaffe es knapp 10 Minuten lang, dann kann ich nicht mehr. Noten vom Blatt spielen geht viel länger und lockerer von der Hand.

In dieser Stunde habe ich zum Dozenten gesagt, das mir das zu abstrakt ist, einfach die Finger laufen zu lassen. Ich brauche eine Vorgabe, am liebsten mit Noten auf einem Stück Papier in schwarz auf weiß. Da meinte er, fast ein wenig verzweifelt über meinen Starrsinn: „Die Noten, die Sie auf einem Notenblatt sehen können, sind ja auch nur eine isolierte Auswahl aus den vielen Möglichkeiten einer Improvisation“. Es gibt manchmal Sätze die wie Edelsteine leuchten. Oder noch besser: wie ein Kristall erhellen. Ich konnte die Wahrheit dahinter erkennen. In diesem Moment war ich wieder sehr beeindruckt über sein Empfinden und Verständnis für Musik. Vielleicht hat mir dieser eine Satz geholfen zur Abwechslung mal ohne zu maulen, einfach Töne auszuprobieren. Und ohne mich dabei innerlich zu winden und das Gefühl zu haben das alles ist nur Schmarrn was ich da mache.

Nach einigen Tagen habe ich bemerkt das auf dem Übungsblatt der Satz steht: Tiefsten Ton immer liegen lassen. Keine Ahnung wie ich das überlesen konnte. Klasse. Also noch mal von vorne anfangen und diese Anweisung befolgen lernen. Von der ungewohnten Belastung schmerzt der kleine Finger am Nagel. Mit einem Pflaster kann ich den Druck abmildern und komme mir vor wie Michael Jackson oder Rafael Nadal die auch immer verpflasterte Finger hatten oder haben.

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