Die Schule liegt idyllisch auf einer der Würminseln. Ich habe mir dort vor vielen Jahren mal eine Shakespeare Theateraufführung vom Sommernachtstraum angesehen. An einem lauen Sommerabend open air. Ob es diese Veranstaltung immer noch gibt?

In der Schule ist ein lebendiges Kommen und Gehen. Junge Menschen wechseln von einer Unterrichtsstunde zur nächsten. Ich werde als fremd erkannt und angesprochen, ob und wen ich suche, wo ich hinmöchte oder ob ich Hilfe benötige. 
Mein Lehrer taucht auf, schwerer Gitarrenrucksack auf dem Rücken. Ein schmaler, fast zerbrechlich wirkender junger Mann. Sehr aufrechte Haltung. Klare Augen. Er scheint ein ruhiges Wesen zu haben. GottseiDank. Ich komme mir im Vergleich hektisch vor. Wahrscheinlich bin ich das auch. Und sehr nervös. Sein Hauptfach ist die Gitarre und er nimmt an der Schule am pädagogischen Aufbaujahr teil. Was hoffentlich bedeutet das er mit solchen Anfängern wie mir gut umgehen kann ohne dabei die Nerven zu verlieren. 

Er will wissen warum ich die Schule ausgewählt habe und nicht klassischen Klavierunterricht nehme. Ich zeige ihm das Buch mit der Selbstlernmethode. Der Inhalt wäre nicht ganz das was er unterrichten würde; ich könne aber gerne weiter daraus üben und ihn gegebenenfalls um Hilfe bitten. Er hat ein paar Zettel mit grundlegenden musikalischen Informationen für mich zusammengestellt und ist ein bisschen froh das ich durch mein Selbstlernprogramm von einigen Dingen schon gehört habe.
Ich bekomme ein ganz kleines erstes Lied zum Kennenlernen: "Meeresrauschen". Eine zarte und ein bißchen wehmütige Stimmung. Wenige Takte. Akkorde für die linke Hand und Melodien für die rechte. Es gefällt mir sehr gut.  

piano 2173426 1920Wir üben auf einem Flügel. Sehr beeindruckend, aber auch ein wenig beängstigend. Der Klang ist gewaltig. Ich bin doch nur die elektronischen Klänge über meinen Kopfhörer gewohnt. Auch soll ich die Tasten fester drücken aber ich fühle mich noch zu schüchtern dafür. Die Tonfolgen rechts spiele ich isoliert, das geht schon ganz gut. Beim daheim-üben habe ich die schwarzen Tasten als hilfreich empfunden, an denen kann ich mich topographisch etwas orientieren ohne auf die Klaviatur zu schauen.
Mit den Akkorden im Baßschlüssel habe ich schon mehr Schwierigkeiten. Drei Tasten auf einmal, gleichzeitig zu drücken, und nach jedem Akkord ein Wechsel zu einem anderen. Das ist nicht so einfach. Meine Finger brauchen ewig bis sie richtig positioniert sind. Es ist fast nicht auszuhalten wie ungeschickt sie sind! 

Nun soll ich die Akkorde spielen und dazu mit der rechten Hand improvisieren. Hah! Wie soll das denn gehen? Ich weiß ja noch nicht mal, was improvisieren ganz genau ist. Einfach nur irgendwas zu spielen kommt mir so komisch vor. Ich bekomme die Aufgabe als Hausaufgabe. Zuhause kann ich mich dann in Ruhe damit beschäftigen. 

Wir vereinbaren nun wöchentlich eine Unterrichtsstunde zu nehmen. Auch wenn ich es zeitlich in einer Woche mal nicht schaffen sollte zu üben, könnte man dann wenigstens an der Haltung oder an der Technik arbeiten. 

Die Stunde hat mir gut gefallen und ich bin ich superengagiert. Möchte ganz schnell das kleine Lied schön spielen können. Aber diese Akkorde stellen mich vor eine große Herausforderung. Das rumsuchen, ausprobieren und nochmal anschlagen ist schon enervierend. Zudem möchte ich die einzelnen Töne des Akkordes kennenlernen. Keine Ahnung ob das sinnvoll ist und sich irgendwann zu einem Verständnis entwickeln wird. Manchmal denke ich, das ich den richtigen spiele, aber meine Ohren hören, das er falsch ist. Gut das ich einen Kopfhörer habe. Wahrscheinlich würde ich jeden noch so wohlmeinenden Nachbarn auf die Übeart und -weise zum Wahnsinn treiben. Dann habe ich noch nicht verstanden warum der eine C oder F heißt, der andere Amoll? Welche Referenz oder Gesetzesmäßigkeit bedeuten die unterschiedlichen Abständen der einzelnen Noten im Akkord?


Ich übe nie sehr lange. Über den Tag verteilt mehrere Male, jedesmal ca. 10 Minuten. Denke, das könnte für mein motorisches Gedächtnis ein bisschen nachhaltiger sein als einmal pro Tag für eine ganze Stunde am Klavier zu sitzen. 

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