Januar 2020

Habe im Rückblick von 2019 noch reflektiert, welches Motto oder welcher Gedanke mich im kommenden Jahr begleiten könnte. Jetzt kam, schneller als ich denken konnte, eine Situation auf mich zu, die mir eine Möglichkeit eröffnet sich nochmal mit diesem Thema zu beschäftigen.

 

Wer sich tapfer bis zum heutigen Beitrag in diesem KlavierBlog durchgelesen hat, konnte sicherlich bemerken, dass mein Selbstbewusstsein nicht sonderlich stark ausgeprägt ist. Mein Mann hat tröstend angemerkt, das würde ein Blinder auf 3 km bei Nebel ohne große Schwierigkeiten auch erkennen können. Danke für diese Einschätzung! Aber als erfahrene Küchenpsychologin diagnostiziere ich diesen Mangel seit geraumer Zeit ebenso und muss ihm zustimmen.

Im Prinzip komme ich trotz diesem Handycap aber ganz gut durch mein Leben und habe bisher über diesen Fakt nicht allzu viel nachgedacht. Oder nachdenken müssen. War halt schon immer so und ist trotzdem meist irgendwie gut gegangen.

Allerdings: nun versuche ich das Klavierspielen zu lernen und stehe mir auf der Straße zu diesem musikalischen Ziel gehörig selbst im Weg. Bin zu verkopft, verkrampft, mutlos, verbissen, schüchtern, befangen, ängstlich. Viele Verspieler, Schwierigkeiten beim Verstehen der Zusammenhänge und seltene Erfolgserlebnisse begleiten meinen Unterricht. Das sind fortwährend Attacken die mein Selbstwertgefühl erschüttern. Eine geradezu narzisstische Kränkung. Stimmen aus der Kindheit werden heute zu Stimmen im Kopf: Du kannst nichts! Ich bin mir über diese überflüssigen inneren Vorgänge bewusst und kann sie dennoch nicht abstellen. Das nervt mich gewaltig.

 

Will ich aufgeben? Ein lautes Nein! So schüchtern wie ich sein kann, so hartnäckig bin ich auch. Gilt es doch einen Lebenstraum von mir zu verwirklichen.

 

DiabelliPianoAber ich trage diese Ambivalenz wie auf einem Tablett vor mir her und präsentiere das wahrscheinlich auch sehr offen.

Anders ist es nicht zu erklären, weshalb mein Pianodozent mir nun ein Buch ans Herz legt, das genau dieses Thema behandelt. Es heißt „Effortless Mastery“  und ist von Jazzpianist Kenny Werner geschrieben. Es wendet sich an Musiker die sich selber unter Druck setzen. Die Furcht vor Versagen, ein geringes Selbstwertgefühl haben, die sich schlecht und kleiner machen oder sich nichts zutrauen. Ja. Ja. Ja. Ja. Und ja. Ich kann und muss jedem Punkt zustimmen und bin leider bei allen mit dabei. Manchen Leuten gefällt es gut sich selber herunter zu ziehen. Mehr noch als ihre eigenen Stärken anzuerkennen. Hmh. Kommt mir bekannt vor.

 

Natürlich. Wie wäre mein Problem zu übersehen? Zu offensichtlich ist meine Schwäche und wie deutlich müssen das beide Lehrer neben mir wahrnehmen. Als der Pianodozent mir das Buch leicht zögerlich überreicht hat, dachte ich mir, das wäre nun wirklich ein sehr geeigneter Zeitpunkt, an dem sich die Erde auftun und mich verschwinden lassen könnte. Es hat mich erschüttert, das mir ein so junger Mensch solch eine Hilfestellung anbieten muss.

Ich soll den Ratgeber lesen, vielleicht kann ich den Druck den ich mir selber mache, abbauen. Er beinhaltet eine CD mit Entspannungsübungen, die man sich anhören kann. Es werden Erklärungen ausgeführt, weshalb man sich „kleinmacht“, und warum dieses Kleinmachen auch wirklich klein macht. In dieser Hinsicht bin ich unglücklicherweise eine erfahrene Expertin. Und Befangenheit und eine übermäßig kritische Selbstsicht erschweren das Erlernen eines Instrumentes. Gefühle spielen dem Autor nach ein große Rolle. Man soll sie zunächst einmal in sich selbst finden bevor man sie umsetzen kann. Diesen Prozess durchläuft man immer wieder aufs Neue. Er schreibt, man muss während des Erlernens der technischen Fähigkeiten am Instrument nicht nur körperliche Grenzen überwinden, sondern auch persönliche. Blockaden oder Verkrampfungen äußern sich in der Regel körperlich, haben aber meist eine geistig-seelische Ursache. Himmel! Eigentlich wollte ich doch nur Klavierspielen lernen und keine Psychoanalyse betreiben.

 

Wenn man diese Buchleihgabe übergeordnet sieht, ist der Zeitpunkt aktuell sehr gut gewählt. Es ist Anfang des Jahres. Vielleicht sollte mein Ziel gar nicht das Klavierspiel per se sein, sondern das ich in der Lage sein werde mich selbstbewusster und unbeschwerter an das Üben und an das Spielen heran zu wagen.
Das es okay ist, erst mal nix zu können, das es Schwierigkeiten beim Akkordwechsel gibt, das die Rhythmik durcheinander gerät, das die Noten verwechselt werden, das mir das Improvisieren schwer fällt. Ich bin immer noch Anfänger.

 

Und Fehler sind beim Lernen und Üben unvermeidbar. Es hat doch keinen Sinn mit dieser simplen Tatsache zu hadern und an sich selbst zu zweifeln. Und das ich auch weiterhin technisch und musikalisch auf die Nase fallen werde, weil ich eben noch eine ganze Weile am Lernen sein werde.

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